Ansprechpartnerin: Dr. Anna Bertelli
Im Apollo Pythios Heiligtum in Gortyn (Abb. 1a), der ehemaligen Hauptstadt der römischen Provinz Creta et Cyrenaica, befindet sich das sogenannte Edificio C, ein kleines Bauwerk mit einer Grundfläche von weniger als 4 x 4 m. (Abb. 1b). Es wurde vor rund zwanzig Jahren im Zuge der Untersuchungen der Italienischen Archäologischen Schule von Athen freigelegt und zeichnet sich durch eine singuläre architektonische Konzeption aus: einen äußeren quadratischen Grundriss bei zugleich rundem Innenraum.
Aufgrund der späteren Überbauungen durch byzantinische Wohnbauten ist das Gebäude nur ansatzweise rekonstruierbar. Entsprechend bleibt unklar, wie seine ursprüngliche Gestalt ausgesehen haben könnte. Insbesondere die Gestaltung der aufgehenden Architektur – etwa das Vorhandensein von Fenstern oder die Konstruktion des Daches – lässt sich bislang nicht bestimmen. Auch die Funktion des Bauwerks, seine Datierung und Nutzungsgeschichte sowie seine Einbindung in das Heiligtum sind bisher weitgehend unerforscht.
Das Fundmaterial aus dem Gebäude selbst sowie aus Sondagen in seiner unmittelbaren Umgebung bildet dabei eine zentrale Grundlage für die weitere Untersuchung. Es ermöglicht eine differenziertere Analyse der baulichen Struktur und eröffnet neue Perspektiven für ihre funktionale und historische Interpretation.
• Leitung, Ansprechpartnerin: Dr. Anna Bertelli (Ruhr-Universität Bochum)
• Wissenschaftliche Kooperation: Università di Padova (Prof. Dr. Jacopo Bonetto) 2023–2025; 2026–2028.
• Partner: Italienische Archäologische Schule von Athen, Ephorie für Altertümer von Heraklion.
• Fokus: Dokumentation, Analyse und digitale Erfassung des Edificio C und der zugehörigen Funde.
Von zentraler Bedeutung ist insbesondere ein umfangreicher Bestand römischer Öllampen mit Diskusdarstellungen, der bereits 2007 im Zuge der Forschungen der Università degli Studi di Siena innerhalb des Gebäudes geborgen wurde. Nach der Ausgrabung gelangten die Funde in das Depot, wo sie bislang keiner systematischen Auswertung unterzogen wurden.
Der Lampenkorpus umfasst zahlreiche rekonstruierbare Fragmente sowie mehrere vollständig erhaltene Exemplare. Aufgrund dieses außergewöhnlich guten Erhaltungszustands und seiner geschlossenen Fundsituation besitzt das Material ein hohes wissenschaftliches Potenzial und bildet daher einen zentralen Schwerpunkt des vorliegenden Forschungsprojekts.
Ein zentrales Ziel des Projekts ist die vollständige Erfassung aller im Edificio C aufgefundenen Öllampen. Dazu zählen die Dokumentation der Objekte durch manuelle Zeichnungen und Fotografien, ihre fotogrammetrische Erfassung zur Erstellung von 3D-Modellen sowie die Anfertigung digitaler Umzeichnungen und Rekonstruktionen. Ergänzend erfolgt eine komparative Analyse des gesamten Fundkomplexes.
Neben lokalen Vergleichen auf Kreta werden in diesem Analyseschritt auch überregionale Parallelen herangezogen, um eine fundierte Datierung des Materials vorzunehmen und Aussagen zum geographischen Verbreitungsraum der Bildlampen zu ermöglichen.
Langfristig zielt das Projekt darauf ab, die Nutzungsgeschichte des Edificio C zu rekonstruieren, seine Einbindung in das Apollo-Pythios-Heiligtum zu analysieren, seine Funktion zu diskutieren und schließlich eine architektonische Rekonstruktion des Gebäudes vorzulegen.
Damit versteht sich das Forschungsprojekt als Beitrag zur Erschließung eines bislang wenig bekannten architektonischen Elements des Heiligtums und leistet einen wichtigen Baustein für ein vertieftes Verständnis des Gesamtkomplexes.
Im Zentrum der Lehrveranstaltung steht die Frage nach geeigneten Dokumentationsmethoden. Die zeichnerische Erfassung antiker Öllampen – insbesondere die Darstellung des gewölbten Bildspiegels – ist händisch äußerst anspruchsvoll und stellt selbst erfahrene Zeichner:innen vor große Herausforderungen. Eine präzise und vergleichbare Dokumentation erfordert daher ein hohes Maß an technischer Fertigkeit und Erfahrung.
Vor diesem Hintergrund bot das Projekt die Gelegenheit zu überprüfen, inwieweit digitale Verfahren wie 3D-Modellierung und digitale Umzeichnungen die manuelle Bearbeitung sinnvoll ergänzen oder diese in bestimmten Arbeitsschritten sogar ersetzen können. Die Förderung durch das Programm Forschendes Lernen der Ruhr-Universität Bochum ermöglichte die Umsetzung dieses Ansatzes im Projekt „Mir geht ein Licht auf! Aus dem verstaubten Depot ins digitale Rampenlicht – Neue Erkenntnisse zur Aufnahme antiker Lampen“.
Im Rahmen der Übung erwarben die Studierenden grundlegende Kenntnisse der antiken Lychnologie und analysierten vergleichbare Lampenkontexte mit einer Vielzahl von Exemplaren, um deren Funktionen in unterschiedlichen Zusammenhängen zu erschließen (u. a. Produktion, Handel, Aufbewahrung, Kult, sakrale Deponierung und Entsorgung). Darüber hinaus erlernten sie die Erstellung erster 3D-Modelle auf Grundlage fotografischer Aufnahmen der Objekte mit dem Programm Metashape (Abb. 4a). Ergänzend wurden die vor Ort angefertigten Handzeichnungen der Lampen digitalisiert und mithilfe von Vectorworks weiterbearbeitet (Abb. 4b).
Ziel der Übung war es, die fachgerechte Dokumentation der Fundstücke zu erlernen und zugleich eine möglichst reproduzierbare Dokumentationsmethode zu entwickeln. Während einzelne Öllampen aufgrund gut erhaltener figürlicher Darstellungen fotografisch ausreichend erfasst werden konnten, erwiesen sich die meisten Bildmotive als stark verwaschen oder nur schwer lesbar. Insbesondere die Darstellung der Bildmotive im gewölbten Diskus stellt bei römischen Bildlampen eine methodische Herausforderung dar, da eine exakte händische Abzeichnung aufgrund der Krümmung der Oberfläche nur eingeschränkt möglich ist.
Vor diesem Hintergrund wurden klassische Handzeichnungen mit digitalen Verfahren – insbesondere 3D-Modelierung und orthofotobasierter Umzeichnung – systematisch miteinander kombiniert. Ziel war es, die jeweiligen Stärken analoger und digitaler Dokumentationsformen gezielt zusammenzuführen.
Die Auswertung zeigte, dass weder analoge noch digitale Verfahren für sich genommen eine ausreichende Dokumentation ermöglichen. Die händische Zeichnung bleibt unverzichtbar, da sie feine Reliefierungen und subtile Oberflächendetails erfassen kann, die fotografisch nicht immer eindeutig sichtbar sind. Digitale Umzeichnungen und 3D-Modelle erlauben hingegen eine verzerrungsfreie Darstellung des Bildspiegels und eignen sind besonders zur präzisen Analyse herstellungstechnischer Merkmale sowie zur Identifikation von Matrizenunterschieden.
Auf dieser Grundlage wurde ein hybrider Dokumentationsansatz entwickelt, der die jeweiligen Stärken beider Methoden kombiniert und eine deutlich höhere Genauigkeit ermöglicht. Die wechselseitige Kontrolle und Ergänzung analoger und digitaler Methoden erwiesen sich dabei als sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus didaktischer Perspektive als besonders gewinnbringend.
Auf Basis dieser Erkenntnisse konnte eine standardisierte Vorgehensweise formuliert werden, nach der die Arbeiten aktuell fortgeführt werden. In der Sommerkampagne 2025 wurden weitere 143 Öllampenfragmente inventarisiert, fotografiert und gezeichnet; daran schloss sich die detaillierte manuelle sowie digitale 3D-Dokumentation an.
Die erstellten Umzeichnungen und 3D-Modelle wurden in die digitale archäologische Lehre integriert und stehen nun dauerhaft im E-Learning-Angebot der Archäologischen Wissenschaften (RUBeA – eLearning) zur Verfügung (Abb. 5a).
Ergänzend wurde eine experimentalarchäologische Annäherung erprobt: In der Lehrwerkstatt des Bochumer Instituts wurden kretische Bildlampen nachgeformt und getöpfert, um Herstellungsprozesse und formtechnische Besonderheiten praktisch nachvollziehen zu können (Abb. 5b und c).
Im Kolloquium der Klassischen Archäologie im Wintersemester 2023/2024 wurden das Forschungsprojekt und erste Ergebnisse von Dr. Anna Bertelli gemeinsam mit den beteiligten Studierenden am Institut für Archäologische Wissenschaften präsentiert. Die öffentliche Vorstellung bot den Studierenden zugleich die Möglichkeit, praktische Erfahrungen in der Wissenschaftskommunikation zu sammeln und ihre methodische Vorgehensweise kritisch zu reflektieren.
Im April 2024 wurden die Ergebnisse zudem in einem Vortrag an der Thomas-Morus-Akademie in Bensberg vorgestellt und so einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Darüber hinaus wurde das Projekt im Dezember 2025 in der Veranstaltungsreihe Neue Wege alter Fächer. Lehre gestalten in den Altertumswissenschaften mit einem Vortrag unter dem Titel „Neue Lehrwege mit antiken Lampen“ präsentiert. Der Beitrag ordnete das Projekt in aktuelle Diskussionen zur altertumswissenschaftlichen Lehrpraxis ein und thematisierte insbesondere die Potenziale forschenden Lernens, digitaler Dokumentationsmethoden und objektbasierter Lehre im Spannungsfeld zwischen Fachtradition und innovativen Lehrformaten.
An das erfolgreich abgeschlossene Lehr- und Forschungsexperiment schloss sich im Sommersemester 2024 eine weitere Übung zur singulären Architektur und möglichen Überdachung des Edificio C an: „Alles beginnt mit einem Plan! Zur Quadratur des Kreises in der Archäologie“.
Das Gebäude wurde vor Ort neu zeichnerisch vermessen, analysiert und photogrammetrisch dokumentiert; auf dieser Grundlage wurde ein 3D-Modell berechnet (Abb. 6). Im Rahmen der Übung setzten sich die Studierenden intensiv mit antiken Bauformen auseinander, die vergleichbare Grundrisse aufweisen, und erstellten digitale Pläne des Gebäudes sowie der herangezogenen Vergleichsbauten. Diese ermöglichten es, sowohl typologische als auch funktionale Parallelen aufzuzeigen.
Für die zukünftige Lehre ist eine weitere Übung geplant, in der die 3D-Modelle der Öllampen mit den Rekonstruktionen des Gebäudes digital zusammengeführt werden. Ziel ist es, die sinnliche Wirkung möglicher Beleuchtungssituationen innerhalb des Bauwerks – insbesondere unter Bedingungen geringer Lichtverhältnisse – unmittelbar erfahrbar zu machen.
Dr. Anna Bertelli
Akademische Rätin a. Z.
Klassische Archäologie
Institut für Archäologische Wissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Am Bergbaumuseum 31, 44791 Bochum
Raum: 0.3.7
Tel.: (0234) 32-19232
Mail: Anna.Bertelli@ruhr-uni-bochum.de
Lilly Johanna Eckhoff, Cara Klein-Raufhake, Simon Oskar Wehrle
Lilly Johanna Eckhoff, Cara Klein-Raufhake, Ozan-Eren Erçetin, Melike Kazan, Leonie Langer, Paul Rieckhof, Kalista Sajnovic, Noah Schmid, Simon Oskar Wehrle
Damaris Axmann, Antonia Becker, Stella Becker, Lilly Johanna Eckhoff, Ozan-Eren Ercetin, Marco Harig, Nils Koenen, Lina Kuche, Hanna Merk, Eric Neuhofen, Noah Schmid, Stefan Walter
Lilly Johanna Eckhoff, Era Garattini (Erasmus+ Traineeship), Nils Koenen, Lina Kuche, Lara Töreki M.A.
